Gesunde Tiere zum Wohl der Menschen


Der größte Besitz der Bauern in Äthiopien ist ihr Vieh. Rafft eine Seuche die Nutztiere einer Familie dahin, droht sie in tiefste Armut zu fallen. Deshalb engagiert sich Menschen für Menschen mit einem umfangreichen Veterinär-Service. Denn die Gesundheit der Tiere dient dem Wohl der Menschen.

Jahrhunderte lang fürchteten die Bauern im österreichischen Großen Walsertal das Werk von Hexen. Wenn eine Bettlerin auf den Hof kam und Nahrungsmittel verlangte, gaben die Bauern ihr aus Angst etwas. Denn die Bettlerin, so der Volksglaube, könnte eine Hexe sein. Heimlich könnte sie sich in den Stall schleichen, um die beste Kuh zu berühren und sie mit dem Rauschbrand zu infizieren, einer Krankheit, die das Tier in kürzester Zeit verenden lässt. Dieser Aberglaube existierte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Er zeigt, wie sehr die Bauern früher auch in Europa um die Gesundheit ihrer Tiere fürchteten – hing doch das Wohl und Wehe ihrer Familien davon ab. Im Äthiopien des Jahres 2011 entscheidet die Gesundheit oder Krankheit der Nutztiere weiterhin darüber, ob die Bauernfamilien ein Auskommen haben oder ob sie ins Elend stürzen. Vor allem die Ochsen zählen, denn ohne sie können die Bauern kein Getreide anbauen. Die Ochsen ziehen die einfachen Eisenpflüge, mit denen die Bauern wie ihre Vorfahren vor vielen hundert Jahren die Erde vor der Aussaat aufreißen.

Gegen Aberglauben

In Hagere Mariam, einem auf über 3.000 Meter Höhe gelegenen Projektgebiet von Menschen für Menschen, haben manche Ochsen an Schnüren kleine Beutel um die Hörner gebunden. In den Beuteln befindet sich Asche, die in den Nebengebäuden der Kirchen beim Backen des Brotes für die Gottesdienste anfällt. Die Asche gilt als heilig, sie soll die Ochsen vor "bösen Blicken" schützen: Manche Menschen, so geht der Aberglaube im ländlichen Äthiopien bis heute, hätten die Gabe, mit ihrem Blick Krankheiten senden zu können.
Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe wendet sich in Schulungen gegen diesen Aberglauben; die Mitarbeiter erklären den Bauern, dass nicht Blicke töten können, sondern Bakterien, und dass Impfungen das Vieh davor schützen. Die Bauern treiben deshalb ihre Tiere in großer Zahl zu den Impfterminen der Äthiopienhilfe.

Ein Vermögen wert

Bauer Fanta Demesses Tiere tragen keine Aschebeutelchen. Er bringt seinen ganzen Besitz zur Veterinärstation von Menschen für Menschen: zwei Ochsen, drei Kühe, zwei junge Bullen und zehn Schafe. "Vor einigen Jahren war ich verzweifelt", erzählt der 37-Jährige: "Innerhalb kurzer Zeit hatte ich drei wertvolle Tiere verloren." Eine ausgewachsene Kuh, eine junge Kuh und ein Ochse: alle starben an Milzbrand. Fanta Demesse verlor ein Vermögen; der Wert der drei Tiere auf den lokalen Märkten entsprach dem Lohn, den ein Arbeiter in Äthiopien in drei Jahren verdient. "Am liebsten hätte ich alles hingeworfen und alle verbliebenen Rinder verkauft", erinnert sich Fanta Demesse. Aber was wäre die Alternative? "Es gibt keine", sagt der Bauer. In Hagere Mariam wie in vielen ländlichen Gebieten Äthiopiens gibt es weder Industrie noch sonstige Verdienstmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft, und wer keine Tiere hat, ist im Wortsinne arm dran. Denn wer keine Zugochsen besitzt, muss sie mieten: Bezahlt wird mit einem Teil der Ernte. Selten schlachten die Bauern ein Schaf oder eine Ziege für den Eigenbedarf; meist verkaufen sie die Tiere auf dem Markt in der nächsten Kleinstadt – für Viele die einzige Möglichkeit, an Bargeld zu kommen, um das Nötigste zu kaufen: billige Kleidung, Plastikschuhe, Speiseöl, Seife, Petroleum für die Lampe, Schulhefte für die Kinder.

Epidemien als Hauptproblem

"Mittlerweile bin ich wieder guten Mutes", sagt Fanta Demesse und schaut dem Veterinär-Assistenten der Äthiopienhilfe beim Impfen zu. "Seit diese Fachleute hier sind, habe ich kein Tier mehr durch Krankheit verloren." Als Menschen für Menschen sein ländliches Entwicklungsprojekt in Hagere Mariam vor knapp vier Jahren begann, nannten die Bauern die Viehgesundheit als ihr Hauptproblem. Immer wieder war es zu Epidemien gekommen. Das Vieh, durch chronischen Futtermangel auf der Hochebene wenig widerstandsfähig, wurde vor allem von den bakteriellen Infektionen Paratuberkulose, Rauschbrand und Milzbrand (Anthrax) hinweggerafft. Letztere Krankheit ist auch für Menschen gefährlich. Durch regelmäßige Schutzimpfungen der Tiere, die nur Cent-Beträge kosten, können diese tödlichen Krankheiten ganz ausgeschlossen werden. Darüber hinaus behandelt der Veterinärdienst von Menschen für Menschen Infektionen mit Penicillin, gibt Medikamente gegen Bandwürmer aus, bereitet für die Schafe Chemikalienbäder, die Fellparasiten abtöten. "Das Impfen und Behandeln von Krankheiten allein reicht aber nicht aus", erklärt Ephrem Betrework, Leiter der Nutztier-Abteilung von Menschen für Menschen im Projektgebiet Hagere Mariam. "Mindestens genau so wichtig ist uns die Ausbildung der Bauern, wie sie die Gesundheit ihrer Tiere selbst stärken können."

Effizientere Tierhaltung

Traditionell wird Viehfutter einfach auf den Boden geworfen – dieser kann mit Bakteriensporen kontaminiert sein. Also lernen die Bauern, Viehtröge zu benutzen. Häufig ist das Vieh der Witterung auf den Hochplateaus von Hagere Mariam schutzlos ausgeliefert. Menschen für Menschen lehrt die Bauern, einfache Ställe zu bauen. Die Stiftung gibt Saaten für besonders nährstoffreiche Futterpflanzen wie Leguminosen aus, damit die Tiere kräftiger und widerstandfähiger gegen Infektionen werden. Daneben wird aus der Hauptstadt Addis Abeba in Kühlboxen Samen von Holstein-Friesian-Rindern herangeschafft, um den einheimischen Viehbestand durch Kreuzung zu optimieren. Stall-Bauten, neue Futterpflanzen, Einkreuzung von europäischen Hochleistungsrassen: das sind allesamt Schritte, um die Viehhaltung insgesamt umzustellen. Traditionell ist die Haltung nämlich wenig effizient. Die Bauern treiben ihre Tiere zur Weide auf karges Brachland, wo sie sich ihr Futter mühsam selber suchen müssen, und dabei viele Kalorien verlieren. Besonders in den Trockenzeiten finden sie nicht genug Futter, die mageren Kühe geben nicht mehr als einen Liter Milch am Tag. "Wenn sie dagegen die neuen Kreuzungen auf ihrem Hof in einem Pferch halten und sie gut füttern, sind bis zu 15 Liter Milch am Tag zu erreichen", erklärt Ephrem Betrework. "Wir vermitteln den Bauern: Es ist besser, weniger, aber gesunde und leistungsfähige Tiere zu halten." Eine Einstellung, die offenbar immer mehr Bauern teilen. Als die Äthiopienhilfe vor zwei Jahren mit dem Veterinärprogramm anfing, mussten die Mitarbeiter in manchen Dörfern regelrecht Reklame machen, damit die Bauern ihre Tiere behandeln ließen. Heute dagegen treiben sie ihre Herden sogar aus Nachbardistrikten aus einer Entfernung von zwanzig Kilometer zu den Impfstellen.

 

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