"Die Menschen kämpfen für ein besseres Leben"


Esrael Asfaw hatte im österreichischen Mondsee Limnologie studiert und im niederländischen Delft Umweltwissenschaften, bevor er vor zehn Jahren zu Menschen für Menschen kam. Aktuell treibt der 41-Jährige als Projektmanager die Entwicklung im neuen Projektgebiet Dano voran.

Herr Asfaw, Sie sehen müde aus.

Ja, ich habe kaum geschlafen.

Haben Sie Sorgen?

Nein, aber ich hatte einen Malaria-Schub. Ich lag im Bett, schwitzte, hatte merkwürdige Träume, Fieber und Muskelschmerzen.

Warum sind Sie dann heute im Büro?

Ich bin kein Held. Aber es gibt viel zu erledigen.

Sollen wir das Interview ein anderes Mal führen? 

Nein, nein, ich habe Tabletten genommen, jetzt fühle ich mich okay.

Wir Europäer haben Angst vor Malaria.

Hatte ich auch. Vor allem auch, weil ich gesehen habe, wie schwer angeschlagen die Bauern durch die Krankheit sind – aber sie sind allgemein in einer schlechten Verfassung, schon bevor die Malaria zuschlägt. Und leider sterben gerade Kinder daran. Sie trinken schmutziges Wasser, haben nicht genug zu essen. Da kann Malaria schnell den Tod bedeuten.

Kann man sich nicht schützen?

Die Krankheit wird ja von Mücken übertragen. Natürlich benutzen wir Netze zum Schlafen. Aber auf Dauer können Sie nicht vermeiden, gestochen zu werden. Wir sind seit neun Monaten hier. Nach drei Monaten hatte ich die Malaria zum ersten Mal, und wurde gleich voll erwischt. Zwei Wochen lang war ich außer Gefecht.

Ihre Frau und ihre beiden kleinen Töchter leben in der hochgelegenen Hauptstadt. Dort gibt es keine Malaria. Sicher haben Sie sich gefragt: "Warum liege ich hier draußen allein am Ende der Welt statt gesund in einem gemütlichen Büro in Addis Abeba zu sitzen und bei meiner Familie zu sein?"

Das stimmt. Aber dann wirst du wieder fit und machst einfach weiter.

Sie lieben Ihre Arbeit?

Ja.

Warum?

Ich bin seit zehn Jahren bei Menschen für Menschen. Bevor ich nach Dano kam, war ich Leiter des Projekts in der Region Babile. Ich bin stolz darauf, was wir erreicht haben. Es ist eine Quelle großer Motivation, zu sehen, wie wir das Leben der Menschen verbessern.

Wie schlecht geht es den Menschen hier in Dano zu Beginn Ihrer Intervention?

Die meisten sind sehr arm. Viele Familien leben mit ihren Tieren in den kleinen Hütten. Manche Frauen müssen Wasser in zehn Kilometer Entfernung holen. Sie haben nur ein Kleid zum Wechseln. Aber das Schlimmste ist die fehlende Ernährungssicherheit.

Was bedeutet das konkret?

Die Menschen haben über Wochen und Monate nicht genug zu essen. Wenn die Ernte lange zurückliegt, müssen die meisten Familien die Lebensmittel rationieren. Sie beschränken sich auf eine Mahlzeit pro Tag. Ich schätze, dass zwei Drittel der Gesamtbevölkerung unter diesem Problem leiden.

Warum wirft die Landwirtschaft nicht genug ab?

Es fehlt an Wissen. Die Menschen betreiben nur traditionellen Ackerbau. Sie ernten nur einmal im Jahr, nach der Regenzeit, im November oder Dezember. Sie bauen lediglich Mais an und etwas Hirse. Das reicht nicht aus, um große Familien zu ernähren. Ohne die Verbesserung der Landwirtschaft sind alle anderen Maßnahmen wie Brunnen- oder Schulbauten sinnlos. Dabei hat die Landwirtschaft in Dano in der Tat ein großes Potential.

Nämlich?

Wir haben hier pro Jahr fast 2000 Millimeter Niederschläge – das ist sehr viel. Aber niemand betreibt in der Trockenzeit Bewässerungsfeldwirtschaft. Vor allem die Einführung von Bewässerung ist vielversprechend: In der Nähe von Quellen oder Bächen können Gemüse und Obst angebaut werden. Wir wollen die Anbauprodukte und die Erntemengen vervielfachen –nämlich durch Training der Bauern und durch die Versorgung mit besserem Saat- und Pflanzgut.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Kartoffeln. Lokale Sorten gibt es hier seit Jahrhunderten. Sie bringen ungefähr eine halbe Tonne Ertrag pro Hektar. Aber wenn die Bauern unsere verbesserten Sorten anpflanzen, können sie bis zu 20 Tonnen pro Hektar ernten! Auch Produkte, die sich auf dem Markt zu gutem Geld machen lassen, sind möglich: Ölpflanzen, Erdnüsse, Sonnenblumen, Sesam.

Diese erste Projektphase dauert fünf Jahre. Was wird in dieser Zeit passieren?

Es gibt 42 Dörfer in der Region. Wir gehen in jedes einzelne. Pro Dorf arbeiten wir mit rund 20 sogenannten Modellfarmern. Das sind Pioniere, die wissbegierig und lernwillig sind. Sie bekommen Saatgut und Training. Ihr Erfolg wird ansteckend sein: Die anderen Dorfbewohner werden die neuen Techniken übernehmen. Die Ernten in den Dörfern werden sich verdrei- oder vervierfachen.

Was ist mit den landlosen Tagelöhnern?

In der Tat haben sechs Prozent der Haushalte kein Land. Gerade alleinstehende Frauen mit Kindern machen diese Gruppe aus. Sie erhalten die Möglichkeit Kleinkredite zu bekommen und damit ein kleines Gewerbe zu beginnen. Oder wir statten sie mit leistungsfähigen Hühnern aus, deren Eier sie auf dem Markt verkaufen können.

Alle Massnahmen zielen also auf die Verbesserung der Ernährung ab?

Darüberhinaus machen wir noch viele weitere Dinge. Vor allem müssen wir Brunnen graben und Quellen fassen, um die Wasserversorgung sicher zu machen. Wir haben drei Pflanzschulen, um die ökologisch so wichtigen Aufforstungen voranzutreiben. Ausserdem bauen wir insgesamt 12 Grund- und Mittelschulen bis zur 8. Klasse. Uns geht es ja immer darum, die Lebensumstände einer Region insgesamt zu verbessern.

Sie wohnen hier sehr bescheiden in einem Zimmer. Es gibt keine Freizeitangebote. Stört Sie das nicht?

Nein. Wissen Sie, ich bin privilegiert: Dano liegt so nahe an Addis Abeba, dass ich an zwei Wochenenden im Monat nach Hause zu meiner Familie reisen kann. Andere Projektgebiete liegen dagegen so weit ab, dass die Mitarbeiter ihre Familien oft monatelang nicht sehen. Wenn ich in Dano bin, kenne ich eh keine freien Tage. Die Wochenenden nutze ich, um rauszufahren zu den Bauern und ohne den Zeitdruck der Werktage mehr von ihrem Leben zu verstehen.

Was lernen Sie da zum Beispiel?

Neulich hat mir eine Frau erzählt, wie sie zum Überleben ihrer Familie beiträgt. Sie marschiert in ein weit abgelegenes Dorf und kauft dort Getreide. Die Last trägt sie in die Kleinstadt Ijaji, wo der Preis ein wenig höher ist. Die Strapaze dauert drei Stunden, und sie verdient daran nur fünf Birr (20 Eurocent) – auch in Äthiopien ist das lächerlich wenig. Die Frau ist fleißig, aber sie weiß keinen besseren Weg, Einkommen zu schaffen. Wir werden ihr eine Alternative aufzeigen, dann wird sie sich selbst aus der Armut herauskämpfen.

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Interview Esrael Asfaw