"Wer lernt, gewinnt neue Perspektiven."


Frau Böhm, gibt es im Zusammenhang mit ihrer Bildungsinitiative ein Ereignis, das Sie persönlich besonders bewegt hat?

Ja, das gibt es. Im Dezember 2008 bin ich zur Einweihung eines Gymnasiums ausserhalb unserer Projektgebiete gefahren. Schon acht, neun Kilometer vor dem Ort säumten unzählige Menschen die Strasse. Ich wunderte mich darüber und der Leiter des Landbezirks erklärte mir, die Leute seien einfach so glücklich über die Schule, dass sie von überall her zur Eröffnung strömten. Je näher wir dem Ort kamen, desto mehr Menschen wurden es, sodass wir schliesslich nicht mehr fahren konnten. Wir stiegen aus und gingen zu Fuss weiter, mit der Menschenmenge. Es war überwältigend. Während der Feier sangen und tanzten die Menschen dann und zeigten in kleinen Theaterstücken, was die Schule für sie bedeutet. Da begann ich, ihre Begeisterung zu verstehen: Die erste Schule für Schüler bis zur sechsten Klasse war in diesem Landkreis vor 63 Jahren gebaut worden. Etwas später kamen noch ein paar Lehmhäuser für eine siebte und achte Klasse dazu. Seitdem war nichts mehr geschehen. Das nächste Gymnasium war 60 Kilometer entfernt und nur für die wenigen erreichbar, die dort Verwandte hatten.


Was das bedeutete erfuhr ich, als ich nach der Feier die Klassen besuchte, in denen sich die Schüler versammelt hatten. Neben Kindern hatten auch viele Erwachsene auf den Schulbänken Platz genommen. Ich hielt sie zunächst für Angehörige, aber dann erzählte mir einer von ihnen seine Geschichte. Dieser junge Mann hatte immer davon geträumt, zu studieren. Doch nach der achten Klasse schien dieser Traum ausgeträumt. Es gab ja kein Gymnasium. Er gab trotzdem nicht auf. Zehn Jahre lang arbeitete er als Tagelöhner, immer in der Hoffnung, eines Tages doch noch eine weiterführende Schule besuchen zu können. Jetzt, mit 25 öffnete sich ihm endlich diese Tür. Jetzt drückt er – glücklich und begierig zu lernen – zusammen mit 12-Jährigen die Schulbank. In jeder Klasse begegnete ich jungen Männern und Frauen, die solche Geschichten erzählten. Die Hälfte der Schüler war über 25. Es hat mich sehr berührt zu erleben, wie glücklich wir diese Menschen machen konnten.

"ABC–2015" zielt nicht nur auf Alphabetisierung. Was bewirkt das Programm darüber hinaus?

Wenn die Menschen besser gebildet sind, sind sie bewusster und verstehen die Zusammenhänge besser. Sie gewinnen eine Perspektive in ihrem Leben und haben mehr Chancen, weiter zu lernen, um ihren Träumen näherzukommen. Deshalb sind sie auch offener für neue Sichtweisen und wir können sie besser erreichen. Je mehr sie lernen, desto mehr Selbstbewusstsein zeigen die Menschen auch. Zum Beispiel lassen sich Mädchen, die das Gymnasium besuchen, nicht einfach verheiraten. Dieses Bewusstsein und dieses Selbstvertrauen sind auch sehr wertvoll für die Gesellschaft.

Weil sich daraus neue Möglichkeiten entwickeln?

Ja genau. In Midda habe ich einmal eine mutige junge Frau getroffen. Sie musste die Schule wegen familiärer Probleme in der 10. Klasse abbrechen. Zurück in ihrem Dorf dachte sie nicht daran, zu heiraten, was in ihrer Situation üblich gewesen wäre. Stattdessen schloss sie sich unserem Frauenkreditprogramm an. Bei einem Besuch in der Stadt hatte sie "Pastee" kennengelernt – ein beliebtes Fettgebäck, das in den Strassen verkauft wird – und sie hatte herausgefunden, wie man es herstellt. Jetzt bäckt sie Pastee und verkauft es mit viel Erfolg im Dorf und bei den Arbeitern an der Pastee" dortigen Schulbaustelle. Und weil sie nicht von einer Einkommensquelle allein abhängig sein will, hat sie sich sogar noch weitere kleine Gewerbe ausgedacht. Um so etwas aufzubauen, braucht man Selbstvertrauen und einen weiteren Horizont. Eine Bäuerin ohne Schulbildung hätte das nie gewagt.

Auch nicht, wenn sie lesen und schreiben gelernt hätte?

Lesen und schreiben allein genügt dazu nicht. Aber es ist der erste Schritt, auf dem alles aufbaut. Das sehen wir auch in unseren landwirtschaftlichen Trainings. Nur die Teilnehmer, die lesen und schreiben können, sind in der Lage, das Gelernte zu Hause nachzulesen und zu vertiefen. Darauf können sie dann aufbauen und ihr Know-how von Kurs zu Kurs erweitern. Aber die Voraussetzung ist lesen und schreiben. Deshalb ist die Alphabetisierung so wichtig für unsere Erwachsenenbildung.

Und wer nicht lesen und schreiben kann?

...lernt über mündlich weitergegebenes Wissen – und über Vorbilder. Deswegen spielen unsere Modellbauern eine wichtige Rolle. Die Leute kommen zu ihnen und sehen mit eigenen Augen, dass die Dinge funktionieren, die wir ihnen vorschlagen. Ohne diese Erfahrung trauen sich die Bauern kaum, etwas Neues auszuprobieren.

Warum ist der Bau von Schulen gerade für Mädchen so wichtig?

Ein Mädchen, das zehn, zwanzig Kilometer allein zur Schule geht, wird leicht Opfer von Gewalt. Für Mädchen ist es auch keine Lösung, in der Nähe der Schule ein Zimmer zu mieten. Sie müssen dort ebenfalls mit Belästigungen und Gefahren rechnen. Denn in Äthiopien ist es nicht üblich, dass Mädchen allein weit weg von zu Hause wohnen. Die Eltern haben Angst und verheiraten ihre Töchter deshalb lieber. Aus diesem Grund sind Schulen in der Nähe des Wohnorts ein Schutz und eine wichtige Chance für die Mädchen.

"ABC–2015" macht Bildung über Jahre zum Arbeitsschwerpunkt von
Menschen für Menschen. Ändert sich dadurch etwas an der Strategie der Organisation?
Nein. Die Basis unseres Ansatzes bleibt die integrierte ländliche Entwicklung, denn zuerst muss man die Grundbedürfnisse der Bevölkerung stillen. Wenn die Menschen krank sind und kein sauberes Wasser haben, kann man über Bildung nicht reden. Es wäre auch nicht sinnvoll, eine Schule zu bauen, bevor es eine nah gelegene Wasserstelle gibt. Vor allem den Frauen und Mädchen wäre damit nicht geholfen. Denn so lange sie jeden Tag vier, fünf Stunden unterwegs sind, um Wasser zu holen, haben sie keine Chance, zu lernen. "ABC–2015" baut somit auf unserer Basisarbeit auf. Es ist der konsequente nächste Schritt, um das Land weiterzuentwickeln. Gerade die junge Generation braucht Perspektiven über die Landwirtschaft hinaus. Diese Perspektiven findet sie nur, wenn sie Zugang zu Bildung und Ausbildung erhält.

Warum baut
Menschen für Menschen Gymnasien auch ausserhalb der Projektgebiete?

Zum einen ist es nicht unser Ansatz, nur unsere Projektgebiete zu versorgen und schöne Oasen anzulegen, während es draussen einen riesigen Bedarf gibt. Zum anderen hat die äthiopische Regierung in den letzten Jahren viele Fachhochschulen und Universitäten gebaut. Dadurch ist eine Lücke entstanden: Es fehlt an Gymnasien, sodass die jungen Menschen nicht studieren können, obwohl es Universitäten gibt. Diese Lücke wollen wir schliessen, auch ausserhalb unserer Projektregionen.

Gehören zum Bau von Gymnasien auch Wohnheime?

Ja, wir haben 2008 drei Wohnheime gebaut. Früher war das aber noch viel wichtiger als heute. Da gab es in einem Gebiet das fast so gross ist wie die ganze Schweiz vielleicht zwei, drei Gymnasien und die Schülerinnen und Schüler hatten einen extrem weiten Weg. Seit wir auch in entlegenen Gegenden Gymnasien bauen, brauchen wir nicht mehr so dringend Wohnheime. Heute kommen die Gymnasien zur Bevölkerung und nicht mehr umgekehrt.

Welche Rolle spielt die berufliche Bildung?

Sie ist sehr wichtig. Wir haben bisher vier technische Ausbildungs- und Trainingszentren errichtet. Bevor wir weitere Einrichtungen dieser Art bauen, müssen wir schauen, wie sich das Konzept bewährt. Dieser Berufsweg ist neu in Äthiopien. Für weitere Zentren fehlt es deshalb auch noch an entsprechend ausgebildeten Lehrern. Wegen der technischen Ausstattung sind die Ausbildungszentren ausserdem sehr teuer: Ein einziges kostet so viel wie vier oder fünf Gymnasien.

Menschen für Menschen verfügt über gut eingespielte Abläufe beim Schulbau in den Projektgebieten. Stehen Sie ausserhalb dieser Gebiete vor besonderen Hürden?
Ja, durchaus. Zunächst einmal werden unglaublich viele Anfragen an uns gestellt. Unsere Fachleute prüfen alle vor Ort und erstellen Gutachten. Oft müssen sie dazu in entlegene Gegenden reisen. Das ist sehr aufwendig. Auf Basis der Gutachten treffen wir dann eine Auswahl. Für mich persönlich ist das am schwierigsten: An jeder Anfrage hängen so viele Hoffnungen, aber wir können nicht alle positiv beantworten. Auch die Kontrolle der Arbeitsabläufe und der Bauqualität ist ausserhalb der Projektregionen aufwendiger, weil wir dort nicht über Mitarbeiterteams verfügen. Für jede dieser Baustellen haben wir deshalb einen Fachmann beauftragt. Er beaufsichtigt die Arbeiten vor Ort, zusätzlich zu unserer Architektengruppe, die das von Addis Abeba aus tut.

Mit dem Bildungsprogramm "ABC–2015" hat Menschen für Menschen sein ohnehin grosses Engagement im Bildungssektor noch einmal verstärkt. Neben dem Neubau von Schulen beinhaltet das Bildungsprogramm auch die Weiterqualifizierung von Lehrern sowie Alphabetisierungskampagnen, Lese- und Schreibkurse, die Einrichtung von Bibliotheken und den Ausbau der beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten für Erwachsene.


CHF

Beneficiary:
Donations account:
Account Number 18180018
Bank Code 701 500 00
BIC SSKMDEMM
IBAN DE64701500000018180018
Donations account:
Account Number 18180018
Bank Code 701 500 00
BIC SSKMDEMM
IBAN DE64701500000018180018
Spendenkonto:
Postkonto 90-700000-4

Stiftung Menschen für Menschen Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe, 8002 Zürich

IBAN-Code:
CH97 0900 0000 9070 0000 4
BIC SSKMDEMM
IBAN DE64701500000018180018
Textstrecke