Auswege aus der Armutsfalle


Zum Frühstück geröstete Maiskörner. Zum Mittag ein Schüsselchen Maisbrei. Am Abend ein Stück Maisbrot: So sieht ein guter Tag aus für die fünf Kinder von Bauer Nasser Tadese. Häufig gehen die älteren Geschwister aber ohne Frühstück in die Schule und bekommen nur zwei Mahlzeiten am Tag: Alltag in Boretscha im Südwesten Äthiopiens.

In der rußgeschwärzten Rundhütte bringt Nuria Kadir, 32, die Mutter, das offene Feuer in Gang und sagt: "Was ist das für ein Leben? Ich habe einen Ehemann und Land, und trotzdem kann ich meine Kinder nicht gut versorgen." Der beißende Rauch des Feuers füllt den Raum. Muslima, die jüngste Tochter, eineinhalb Jahre alt, sitzt neben der Mutter und hustet. "Was mir am meisten weh tut: Meine Kinder nicht richtig ernähren zu können", sagt Nuria. Nachts schlafen die Geschwister eng beieinander, das Mädchen Mursche, 14, die Jungen Abadir, 9, Muhammed, 7, und Yussuf, 5. Sie liegen auf der Erde. Die Familie besitzt nur eine Wolldecke und eine Matratze, aus Kunststoffsäcken grob zusammengenäht, mit Gras gefüllt. Darauf schlafen die Eltern und das Nesthäkchen Muslima. An den Wänden lehnen ein paar Hacken für den Feldbau. Die restlichen Habseligkeiten der Familie finden in einer kleinen Kiste Platz.

Pflügen wie zu Urzeiten

Wer den Urwald in Boretscha sieht, einen lebendigen Beweis für das üppige Wachstum der Natur, fragt sich: Wie kann es sein, dass die Armut hier so groß ist? Die Bauern Äthiopiens bauen die gleichen Produkte an und pflügen ihr Land wie ihre Vorfahren vor hunderten von Jahren. Ein selbst gebauter Pflug wird an ein Joch gebunden, unter dem zwei Ochsen gehen. Der Pflug vermag den Boden nicht zu drehen. Lediglich ein einfach geschmiedetes Eisen, das an eine Speerspitze erinnert, kratzt den Boden auf. Drei Mal müssen die Bauern in zäher, viele Tage dauernder Arbeit ihre Felder pflügen, bis der Untergrund locker genug für die Aussaat ist.

Häufig besitzen die Bauern nur einen Ochsen. Dann tun sie sich mit einem Nachbarn zusammen, der ebenfalls einen Ochsen besitzt, und leihen sich die Zugtiere gegenseitig aus. Wer aber – so wie Nasser Tadese – zu den Bauern gehört, die gar keinen Ochsen haben, ist auf das Wohlwollen der Nachbarn angewiesen. Gegen Bezahlung kann Nasser Tadese bei ihnen zwei Ochsen ausleihen, aber erst dann, wenn sie selbst fertig sind mit Pflügen. Dann ist es oft schon zu spät, die Aussaat bringt nur noch eine geringe Ernte. Weil er kaum Geld hat und weil kaum Zeit zum Pflügen bleibt, kann der Bauer also nur einen kleinen Teil seines Landes bewirtschaften.

Jahreslohn für einen Ochsen

Ein Ochse kostet 2.000 Birr, das sind etwa 118 Euro: für Nasser Tadese eine unerreichbar hohe Summe. Sie entspricht seinem Jahreseinkommen als Tagelöhner: Manchmal findet er Arbeit beim Hausbau, er hilft, neue Hütten mit Lehm und Kuhdung zu verputzen. Ansparen kann er nichts, sein Lohn geht sofort für Speiseöl, Kleidung und Schulmaterialien für die Kinder drauf. Sogar Getreide muss der Bauer zukaufen.

Damit sitzt seine Familie in der Armutsfalle. Wie dieser Armutsfalle entkommen? "Unsere Hoffnung heißt Menschen für Menschen", sagt Bäuerin Nuria. Mit einem Kleinkredit von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe ließe sich ein Ochse kaufen, überlegt sie. Außerdem hat Nuria jetzt angefangen zu verhüten. Alle drei Monate bekommt sie von Gesundheitsfachleuten der Äthiopienhilfe eine Injektion, die vor Schwangerschaft schützt. "Ein weiteres Kind wäre nur ein Problem mehr", sagt die Bäuerin. Und sie haben sich um einen Platz in einem Kurs zum Gemüseanbau beworben, der demnächst beginnen wird, erklärt ihr Ehemann. Er hofft auch, Samen und Setzlinge zu bekommen.

Nachbarn haben, angeleitet von Menschen für Menschen, bereits angefangen, Gemüse zu ziehen: Dazu braucht man keinen Ochsen. Das Beispiel der Familie zeigt: Armut ist nicht nur auf einen Mangel an Ressourcen zurückzuführen, sondern vor allem auch auf einen Mangel an Wissen. Bislang bauten die Bauern in Boretscha lediglich Zwiebeln an – alle anderen Gemüsesorten waren ihnen unbekannt.

Ein Bauer wird zum Vorbild

Deshalb setzt Menschen für Menschen vor allem darauf, die Kenntnisse der Bauern zu verbessern und neue Anbauprodukte einzuführen – in Boretscha zum Beispiel verschiedene Kohlsorten, Karotten, rote Beete. Die Mitarbeiter müssen dabei vielerorts erst die Skepsis der Landbewohner überwinden. Bauern sind häufig konservativ, aus nahe liegenden Gründen: Um zu überleben, müssen sie Risiken vermeiden. Wenn ein Experte dem Bauern sagt, er solle auf seinem Land ein neues Gemüse anbauen, will er das häufig nicht, weil er die Pflanze nicht kennt und damit Chancen und Risiken nicht einschätzen kann.

Um dennoch bessere Anbaumethoden zu verbreiten, fördert Menschen für Menschen deshalb besonders tüchtige und wagemutige Landwirte. Sehen die anderen Bauern im Dorf den Erfolg dieser sogenannten Modellbauern, ist das für sie Anreiz genug, ihre eigene Produktion schließlich ebenfalls umzustellen.

Einer der Modellbauern ist Wondemu Schewangesau, 52. Er lebt im Projektgebiet Asagirt, wo die Lebensbedingungen teils noch härter sind als in Boretscha. Aufgrund der Überbevölkerung sehen sich viele Landbewohner gezwungen, auch die letzten Flächen an den Hängen zu bewirtschaften. Manche Felder sind so steil, dass sich die Bauern anseilen müssen, um nicht abzurutschen. Nach wenigen Jahren ist der Boden abgeschwemmt, der nackte Fels kommt zu Tage. Dann bleibt den Bauern nichtsanderes, als in die Städte zu ziehen und dort ein Leben als Tagelöhner zu fristen. Auf dem Hof von Wondemu Schewangesau jedoch hat der Besucher den Eindruck: Hier ist das Glück zu Hause. Fröhliche, gesunde Kinder springen herum, so dass die Hühner gackernd auseinander stieben. Auf dem Boden liegt frisch geschnittenes Gras, das den Staub bindet. In schier berstenden Speichern aus Weidengeflecht und Lehmverputz liegen viele Zentner Teff, das traditionelle, grasähnliche Getreide Äthiopiens. Die Speicher stehen nicht wie bei anderen Bauern auf dem nackten Boden, sondern auf hohen Stelzen, als Schutz gegen Ungeziefer. An die Stelzen sind trichterförmige Blechkrägen angenagelt, die für Mäuse und Ratten ein unüberwindliches Hindernis darstellen – auch die Bleche sind eine Innovation, die der Bauer in einem Training von Menschen für Menschen kennengelernt hat.

Faustgroße Kartoffeln

Der Bauer unterhält eine eigene Baumschule mit Eukalyptus und einheimischen Arten, die Samen hat er von der Äthiopienhilfe bekommen. Die Schösslinge verkauft er, sie werden als Bau- und Brennholzlieferanten nahe der Häuser gepflanzt, aber auch als Schattenspender für Gemüsegärten und vor allem als Erosionsschutz zum Stabilisieren steiler Hänge, damit nicht noch mehr wertvoller Mutterboden abgeschwemmt wird.

Mit den Schösslingen verdient Wondemu gutes Geld. Sein größter Reichtum findet sich jedoch in einem Nebenhaus auf dem Hof. Dort liegen auf Regalen viele Zentner Kartoffeln, die meisten faustgroß. Die Setzlinge hat die Äthiopienhilfe zur Verfügung gestellt. Bei der jüngsten Ernte konnte der Modellbauer 1,2 Tonnen der Knollen ausgraben, während die Nachbarn weiter Teff anbauten, das mit seinen winzigen Samen nur wenig Ertrag pro Fläche bringt. Doch Wondemu verkauft den Zentner Kartoffeln auf den lokalen Märkten für 300 Birr, den durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters. Seine gesamte Ernte ist so viel wert wie dreieinhalb Ochsen – ein Vermögen!

Erfolg steckt an

Das hat die Nachbarn ins Grübeln gebracht. "Ich bin sehr glücklich, dass ich den Anbau gewagt habe", sagt der Modellbauer. Viele Bauern fragen angesichts seines Erfolgs bei Menschen für Menschen an, ob sie auch Kartoffelsetzlinge haben könnten und einen Kurs, wie man sie pflanzt. "Die Kartoffeln helfen nicht nur mir, sondern dem ganzen Dorf!", freut sich Wondemu.

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Bauer Nasser Tadese