"In einem Jahr haben wir viel erreicht "

Seit zehn Jahren arbeitet der Agrarökonom Adane Nigus als Projektleiter für Menschen für Menschen. Anfang Januar 2011 ging er in den Distrikt Borena, um dort ein neues Integriertes ländliches Entwicklungsprojekt mit 40 Mitarbeitern aufzubauen.


Herr Adane Nigus, wann haben Sie zum ersten Mal von Menschen für Menschen gehört?
Das war vor etwa zwölf Jahren. Das äthiopische Fernsehen zeigte eine Dokumentation über Karlheinz Böhm. Da wusste ich: Bei seiner Organisation will ich arbeiten.

Haben Sie diesen Entschluss jemals bereut?
An keinem einzigen Tag. Menschen für Menschen setzt wirklich so wenig Geld wie möglich für die Verwaltung ein, sodass der überwältigende Teil unserer Ressourcen der Bevölkerung zugute kommt. Diese Effektivität ist eine Freude.

Warum entschied sich die Äthiopienhilfe, ein Projekt im Distrikt Borena zu starten?
Hier ist bislang über ein Drittel der Bevölkerung auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, die vom Staat organisiert wird. Wir machten eine eigene Studie mit 168 repräsentativen Haushalten, sie spiegelte den großen Bedarf wider.

Macht den Menschen die Trockenheit der vergangenen Jahre zu schaffen?
Ja. Hinzu kommt der Gelbrost. Der Pilz befällt den Weizen, der hier hauptsächlich angebaut wird. Und das Land ist extrem erodiert: Auch in guten Jahren ist die Nahrungsmittelproduktion gering.

Die Mängel der Landwirtschaft sind also das Problem?
Es gibt eine ganze Reihe von weiteren großen Herausforderungen. Die Leute haben meist kein sauberes Wasser. Die Schulen sind schlecht, sie sind fast ausschließlich aus Lehm gebaut, und die Schüler sitzen auf Steinen. Die sozialökonomische Benachteiligung der Frauen ist nicht akzeptabel.

So ist die Lage leider in vielen Gebieten Äthiopiens. Die Frage bleibt: Warum Borena?
Es gab wiederholte und glaubwürdige Anfragen von Ältesten und auch von den örtlichen Regierungsstellen nach unserer Unterstützung, und sie haben auch zugesichert, selbst mit anzupacken: Der starke Wille der Bevölkerung, an der eigenen Entwicklung hart zu arbeiten, ist eine wesentliche Voraussetzung für unsere Intervention.

Bei derart vielen Problemen: Womit fängt man an?
Überall gleichzeitig. Das ist ja das Besondere an unserem integrierten Ansatz. Wir kümmern uns nicht nur um Einzelprobleme, sondern versuchen, ein Gebiet in allen Bereichen hochzubringen. Deshalb haben wir ja die verschiedenen Abteilungen, etwa für Landwirtschaft, Wasser, Frauen und Gesundheit.

Wie arbeiten die Mitarbeiter – es gab zu Beginn ja kein Büro?
Wir mieteten ein einfaches Lehmhaus. Sechs oder sieben Mitarbeiter saßen jeweils in einem kleinen Raum. Unsere Leute mieteten sich in den Häusern der Einheimischen ein, lebten so einfach wie sie.

Also zum Beispiel ohne fließendes Wasser?
Natürlich. Wir holen es mit Kanistern an einer Wasserstelle. Das ist nicht einfach, aber die ländliche Entwicklungsarbeit erfordert solche Lebensumstände.

Wie sah es mit der Kommunikation aus?
Wir hatten Mobiltelefonverbindung. Kein Festnetz, also auch kein Fax, von Internet ganz zu schweigen. Auch die Elektrizität im Büro war miserabel. Wenn wir mehr als einen Computer betreiben wollten, fiel der Strom aus.

Wie kamen Sie mit solchen Bedingungen zurecht?
Wir haben so schnell wie möglich bessere Bedingungen hergestellt. Unsere Büros sind sehr einfach aus Containern mit Trennwänden aus Sperrholz gebaut. Die Behörden sorgten dafür, dass wir recht schnell Strom und Telefonleitungen bekamen. Im April zogen wir ein.


Dann begann die eigentliche Entwicklungsarbeit?
Nein, die fing ab dem ersten Tag an. Bereits im Januar sind unsere Development Agents in die Dörfer gezogen: Insgesamt neun dieser jungen Entwicklungshelfer beraten die Bauern an der Graswurzel. Unsere Spezialisten erkundeten bereits in den ersten Monaten den Distrikt: Das Wasserteam zum Beispiel untersuchte, wo Brunnenbauten möglich sind; die Agrarökologen identifizierten die Areale, wo sich Bewässerungsprojekte lohnen. Am Anfang mussten sie dabei häufig lange Märsche zurücklegen.

Aber Sie haben doch Autos?
Zu Beginn hatten wir noch zu wenige Fahrzeuge, und vor allem gibt es häufig keine Straßen. Viele Dörfer in Borena sind nur über Eselpfade erreichbar. Eigentlich war die Logistik die hauptsächliche Schwierigkeit in diesem ersten Jahr: Wie bekommen wir unsere Berater, Baumaterial und Saatgut in die Dörfer?

Nämlich?
Nun, Menschen für Menschen besitzt eine Planierraupe, die ein deutsches Unternehmen gespendet hat. Die Maschine hat bislang insgesamt 30 Kilometer Pisten zu abgelegenen Dörfern planiert. Zwar verlangen wir auch von den Bauern, dass sie beim Straßenbau helfen, aber ohne Hilfe des Bulldozers kämen wir nicht aus.

Warum nicht?
Die Landschaft ist geprägt durch extreme Höhenunterschiede mit dem Hochland auf 3.500 Metern und dem Tal des Blauen Nils auf 1.100 Metern über dem Meeresspiegel. In den vielen und häufig sehr steilen Hanglagen ist ein Pistenbau ohne Baumaschine nicht machbar.

Sie konnten noch nicht alle Dörfer anbinden?
Bei Weitem nicht. Aber wir planieren weitere Zufahrten. Und wir machen die bereits erschlossenen Ortschaften zu Modelldörfern, die auf die ganze Gegend ausstrahlen.

Was bedeutet das?
Wir identifizieren in den Dörfern besonders innovationsfreudige Bauern und helfen ihnen, ihren Betrieb voranzubringen. Wir geben diesen sogenannten Modellbauern Trainings in verbesserten landwirtschaftlichen Methoden und versorgen sie mit Gemüsesamen, Hühnern, Bienenkörben und anderem Input.

Sind die anderen Bauern da nicht neidisch?
Nein. Viele Bauern sind konservativ und abwartend. Und die Modellbauern haben auch Verpflichtungen. Zum Beispiel müssen sie sich bereit erklären, ihre Nachbarn zu schulen. Den Input müssen sie häufig ersetzen: Zum Beispiel müssen sie nach der ersten Kartoffelernte die gleiche Menge an Setzlingen abgeben, die sie erhalten haben, damit sie an weitere Bauern verteilt werden können.

Die Modellbauern sollen also die Nachbarn zur Nachahmung anregen?
Die Nachbarn und auch die Nachbardörfer! In einer Ortschaft bilden wir Dutzende von Modellfarmern aus. Der Erfolg dieser Modelldörfer soll ein Beispiel für die ganze Gegend sein, und die neuen Methoden sollen anderswo kopiert werden.

Wie sieht es aus mit Ihren Erfolgen im ersten Jahr in Borena?
Wir haben 188 Modellfarmer geschult und mit Input versorgt. Wir haben mit dem Bau von zwei Schulen für rund 3.000 Kinder und Jugendliche begonnen. Wir haben zwei Quellen gefasst und acht Brunnen gegraben, insgesamt haben damit 5.000 Menschen sauberes Trinkwasser. Unsere Leute haben eine Baumschule aufgebaut und 238.000 Baumsetzlinge gezogen, die vor allem als Erosionsschutz gepflanzt wurden. In allen Bereichen haben wir durch harte Arbeit mindestens so viel erreicht, wie wir geplant hatten, manchmal auch mehr.

Ihre Familie ist nicht mit nach Borena gekommen?
Meine Frau und meine vier Kinder leben in Addis Abeba, dort gehen sie zur Schule und zur Universität. Die Hauptstadt ist 580 Kilometer entfernt. Auf den teils sehr schlechten Straßen dauert die Fahrt zwölf Stunden. Ich habe meine Lieben seit einem Monat nicht gesehen. Manchmal dauert es zwei Monate bis zu einem Wiedersehen.

Warum suchen Sie sich keine Stelle in der Hauptstadt?
Ich stamme selbst aus einer armen Bauernfamilie. Mein Vater war weise, er schickte mich zur Schule, deshalb hatte ich die Chance auf Bildung. Jetzt liegt es an mir, etwas zu bewegen.

Sie lieben Ihre Arbeit?
Zu sehen, wie sich das Leben der Menschen verbessert: Das macht mich glücklich. In nur einem Jahr haben wir schon so viele positive Veränderungen erreicht, und ich kann mir ausrechnen, wie viel mehr wir noch tun können.

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In einem Jahr haben wir viel erreicht