Kleine Kredite, grosse Wirkung


Ein Dieselmotor knattert in der ländlichen Idylle – Antrieb für den einzigen Gewerbebetrieb weit und breit: In einem Schuppen leert ein Arbeiter Hirse- und Teff-Körner in den Trichter einer Getreidemühle, die vom Motor über einen Keilriemen angetrieben wird; Bauern fangen das bräunliche Mehl in Säcken auf. Das Mehl ist die Grundlage für Injera-Fladen, das tägliche Brot Äthiopiens. "Gewöhnlich können nur reiche Leute so eine Maschine kaufen", sagt Tayu Kabede stolz. "Aber nun besitzen wir selbst eine!"

Fünf Frauen betreiben im Dorf Tscheka in Derra gemeinsam eine Mühle: eine unerhörte Geschichte. Viele Bauern, die sie zum ersten Mal hören, können sie kaum glauben: Wie sollen ungebildete Bäuerinnen Geld für Motor und Mühle haben, die 1'900 Franken kosten? Eine schier unfassbare Summe in einem Land, in dem ein Tagelohn etwas mehr als 1 Franken beträgt. "Kleinkredite" lautet das Zauberwort, das den Kauf möglich machte – neben dem Fleiss und der Disziplin der Frauen.

Rückzahlungsquote von fast 100 Prozent

"Alles begann, als ich mich mit vier Freundinnen zu einer Kreditgruppe zusammenschloss", erzählt Tayu Kabede. Prinzipiell werden Kredite von Menschen für Menschen nur gruppenweise vergeben. Wenn ein einzelnes Mitglied nicht zurückzahlt, haften alle: Diese soziale Kontrolle macht das System besonders erfolgreich. Die Quote der rechtzeitig zurückgezahlten Kredite liegt bei fast 100 Prozent. Bevor Kredite gewährt werden, müssen die Frauen Bedingungen erfüllen.

Zunächst sparten Tayu und ihre Freundinnen über Monate kleine Beträge und zeigten so, dass sie in der Lage sind, gut zu wirtschaften. Sie besuchten Kurse, in denen Mitarbeiter von Menschen für Menschen ihnen die Grundrechenarten und den Umgang mit Geld vermittelten. Dann bekam jede Frau einen Kredit über 190 Franken. "Einige von uns kauften Kälber, um sie zu mästen und mit Gewinn zu verkaufen. Eine Frau erstand einen Ochsen, den sie gegen Gebühr zum Pflügen vermietet", erzählt Tayu. Sie selbst kaufte Getreide bei Bauern ein und verkaufte es mit Gewinn in der nahen Stadt Gundo Meskel. "Wir alle zahlten die Kreditraten Monat für Monat rechtzeitig zurück."

Bei einem Besuch in der Stadt sah Tayu, wie ein wohlhabender Geschäftsmann eine Getreidemühle betrieb – und sie hatte die kühne Idee, es ihm nachzumachen. "Nur wer viel Geld zum Investieren hat, kann viel Geld verdienen", erklärte sie ihren Freundinnen. Sie beantragten einen weiteren Kredit im Rahmen des Systems der "zirkulierenden Gruppenkredite". Ähnlich einer Genossenschaftsbank organisieren sich fünf bis zehn Kreditgruppen als Kooperativen. Die Rückzahlung der Erstkredite geht nicht zurück an Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe, sondern auf ein Bankkonto dieser Kooperativen, um Folgekredite zu finanzieren. Ein Gremium aus Mitgliedern der einzelnen Gruppen bestimmt über Reihenfolge und Höhe der Folgekredite. Mitarbeiter von Menschen für Menschen stehen zwar mit ihrem Rat zur Seite, Ziel aber ist, dass das System auch ohne sie funktioniert: So wird Entwicklungshilfe nachhaltig.

"Mein Leben hat sich verbessert"

Die Gruppe um Tayu überzeugte die Genossen-schaft und die Beraterin der Äthiopienhilfe: Jede der fünf Frauen bekam nun 390 Franken geliehen. Gemeinsam kauften sie Motor und Mühle, um Getreide gegen Bezahlung zu mahlen. Das war vor vier Jahren. Zwei Jahre lang dauerte es, bis der Kredit zurückbezahlt war. Seither verdienen die Frauen trotz des teuren Diesels gut an ihrer Mühle – jede bekommt monatlich 26 Franken als Erlös. Den Gewinn aus der Mühle setzt Tayu in anderen Geschäften ein, unter anderem handelt sie mit Kaffee auf dem lokalen Markt. "Mein Leben hat sich sehr verbessert", sagt Tayu, die Mutter von acht Kindern ist. "Früher lebten wir von der Hand in den Mund." Die Gefahr des Hungers ist für ihre Familie endlich gebannt: "Jetzt kann ich einen Getreidevorrat für schlechte Zeiten anlegen." Tayu ist nur ein Beispiel von vielen.

Wenige Kilometer entfernt von Tayu wohnt Welela Damen mit Mann und acht Kindern. Mit einem Kredit über 110 Franken hat sie vor Jahren eine Kuh gekauft. "Sechs Mal hat sie schon gekalbt", erzählt Welela. Sie mästete das Jungvieh und verkaufte es jeweils für 90 Franken.


Im Städtchen Hurumu in Illubabor haben die drei Schneiderinnen Birhane Schallatta, Roman Eressa und Fayese Harbera gemeinsam eine Werkstatt eingerichtet und sich selbständig gemacht. Ihre 150 Franken teuren Nähmaschinen haben sie mit Hilfe von Kleinkrediten erstanden. Alle drei Frauen sind Mitte 20, aber nicht verheiratet. "Wir sind unabhängig und brauchen keinen Mann", sagt Fayese. "Wir können selbst entscheiden, wann wir eine Familie gründen wollen."

In Alem Katema erzählt Bäuerin Awayehu Belew, wie sie den Erlös ihrer Kleinkredite einsetzt: "Mit dem Geld bezahle ich die Ausbildung meiner Kinder. Das ist eine bessere Investition als jede andere."

Alle Kreditnehmerinnen erzählen mit dem gleichen offenen und selbstbewussten Blick wie Mühlenbetreiberin Tayu. Das ist im ländlichen Äthiopien nicht selbstverständlich. Häufig schlagen Bauersfrauen im Gespräch den Blick nieder und sprechen so leise, dass man sie kaum versteht – so verschüchtert sind sie und so gering schätzen sie ihren eigenen Wert. "Im traditionellen Verständnis sollen Frauen sich darauf beschränken, Kinder zu bekommen und niedrige Arbeiten zu verrichten", erklärt Almaz Böhm. "Viele haben diese Rolle verinnerlicht." Ein echter Hemmschuh für Entwicklung: "Armut kann nur schwer durchbrochen werden, wenn die Eigeninitiative der Frauen unterdrückt wird. Deshalb ist es für Menschen für Menschen ebenso wichtig wie effektiv, weiterhin verstärkt in Frauen zu investieren und ungerechte Rollenmuster zu brechen", betont Almaz Böhm. "Deshalb müssen wir vermehrt in Frauen-Kleinkredite investieren." Für diese so effektive Entwicklungshilfe brauche es aber die Unterstützung vieler: "Die Spenden zahlen sich aus", sagt Almaz Böhm. "Tausende Frauen, deren Leben sich für immer verbessert, werden es den Spendern danken."


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