Lemmi – Stadt ohne Wasser


Lemmi ist eine staubige Stadt. 5.000 Menschen leben dort im äthiopischen Hochland. Die Einwohner versorgten sich über sieben öffentliche Wasserstellen, gespeist vom 50 Meter tiefen Hauptbrunnen der Stadt. Doch im Frühjahr 2009 war der Brunnen plötzlich trocken. Der Bürgermeister ließ einen Geologen kommen, aber tun konnte auch dieser nichts. "Der Grundwasserspiegel ist gefallen", sagte er und zuckte mit den Schultern. Lemmi liegt auf einem zungenförmigen Hochplateau auf 2.650 Metern über dem Meer. Es gibt keine Bäche und Flüsse und kaum Grundwasser.

Versiegende Quellen

Seit Mitte 2009 haben die Menschen von Lemmi drei Möglichkeiten, an Wasser zu kommen: eine ist so unakzeptabel ist wie die andere. Die erste: Es gibt einen alten Brunnenschacht, an dessen Grund sich ein brackiges Nass findet. Die Einwohner benutzten es bislang nur, um das Vieh zu tränken. Aber jetzt rühren sie Asche hinein und filtern es mit Baumwolltüchern. Trotzdem ist der Geschmack kaum zu ertragen, und vor allem die Kinder werden krank davon.Die zweite Alternative: Menschen für Menschen hat vor einigen Jahren vor der Stadt einen Brunnen graben lassen. Doch weil der Grundwasserspiegel gesunken ist, schüttet er nur noch etwa 400 Liter am Tag. Die Menschen stellen ihre Kanister in langen Schlangen hintereinander auf. Manchmal dauert es Tage, bis sie ihren Behälter füllen können.Die dritte Möglichkeit: Die Bewohner marschieren in stundenlangen Wanderungen 300 Höhenmeter vom Plateau hinab ins Tal, wo es eine schwache Quelle gibt, und mit schweren Kanistern auf dem Rücken wieder eine enge Schlucht hinauf nach Lemmi.

Beschwerliche Märsche

Auch Tigist Bascha, 30, steht jeden Morgen zwischen vier und fünf Uhr auf, um sich mit Nachbarinnen zu treffen und zur Quelle hinunter zu steigen. Wenn sich vor der Quelle schon eine Schlange anderer Frauen gebildet hat, muss Tigist Bascha lange warten. Der Marsch zurück dauert eineinhalb Stunden. Wenn alles gut geht, ist sie um acht Uhr zurück im Haus.

"Zehn Liter Wasser am Tag müssen für die ganze Familie reichen", erzählt Tigist Bascha. Ihr Mann Aschenawi Aiow, 37, wartet schon ungeduldig. Der Beamte in der Stadtverwaltung
übergibt ihr Besalot, die vierjährige Tochter, und Massai, die Einjährige, und geht ins Büro. Nun muss Tigist Bascha sehen, wie sie den Tag übersteht, mit zwei kleinen Kindern und einem Kanister mit zehn Litern Wasser, die zum Kochen, Spülen, Waschen und Trinken reichen müssen.

Überall in Afrika trifft Wassermangel besonders Frauen und Mädchen: Sie sind traditionell für die Beschaffung zuständig. In vielen Dörfern verbringen sie bis zu acht Stunden am Tag mit dem Transport. Die Weltgesundheits-organisation schätzt den jährlichen Arbeitsaufwand der Wasserträgerinnen in Afrika auf 40 Milliarden Stunden – das entspricht der Arbeitszeit aller Berufstätigen in Frankreich: Eine Verschwendung von Kraft und Lebenszeit der afrikanischen Frauen.

"Der Gedanke an das Wassersparen bestimmt den Alltag", erzählt Tigist Bascha. "Häufig lege ich die Kleider in die Sonne, statt sie zu waschen, das hilft auch ein wenig gegen Gerüche und Ungeziefer.“ Beim Waschen stehen die Kinder in einem Zuber: Das Wasser wird aufgefangen und anschließend zum Wäschewaschen verwendet. "Nur einmal in zehn Tagen bekommen sie ein Bad mit wenigen Litern Wasser", sagt die junge Mutter.

Trennung von der Familie

Als ihre Schwägerin aus der Hauptstadt zu Besuch kam und sah, wie staubig Tigists zehnjähriger Sohn Rädiet war, sagte sie: "Gib ihn mir mit nach Addis Abeba, dort kann er sich wenigstens richtig waschen!" Seit einem halben Jahr lebt der Junge nun von seiner Familie getrennt. "Es ist hart für uns, aber es tröstet, dass er bei seiner Tante bessere Lebensumstände hat", sagt Tigist Bascha. Ihr Mann Aschenawi Aiow wandte sich als Vorsitzender des Wasserkomitees in Lemmi mit der Bitte um Hilfe an Menschen für Menschen. "Solange wir kein Wasser haben", sagt Der Wassermangel bremse die lokale Wirtschaft. Statt auf der Rückkehr von den Märkten im Umland Waren mit nach Lemmi zu bringen, laden die Bauern Wasserkanister auf die Rücken ihrer Esel. Viel Zeit und Geld gehe für Besuche in der Gesundheitsstation verloren, um durch schmutziges Wasser hervorgerufene Erkrankungen behandeln zu lassen.Aschenawi, "haben wir keine Chance auf Entwicklung."

Neues Bohrloch bringt Hoffnung

Die Gemeinde ließ nun zehn Kilometer vom Ort entfernt mit Hilfe einer Brunnenbohrmaschine ein 250 Meter tiefes Bohrloch graben. Im Februar wurde die Bohrung erfolgreich abgeschlossen. Jetzt beginnen die Bewohner von Lemmi, die Gräben für die Leitung zu ziehen. Das Grundwasser aus dem Tiefbrunnen soll nach Fertigstellung der Anlagen in ein Reservoir in der Stadt gepumpt und von dort in etwa zehn Wasserstellen im gesamten Stadtgebiet verteilt werden. Im Herbst 2011 soll das System seinen Dienst aufnehmen.

"Wir schulen Bürger in Wartungsarbeiten. Das Wasser wird eine Gebühr kosten, damit das Wasserkomitee Reparaturen ausführen kann", sagt Dr. Martin Grunder (siehe Interview), der Leiter des Projektes bei der Äthiopienhilfe: "Entscheidend ist, dass Lemmi die Infrastruktur eigenständig betreiben kann. Nur so wird Entwicklung nachhaltig erfolgreich."

Durch die Eigenleistungen der Bewohner und durch eine einfache und funktionelle Technik halten sich die Kosten für die gesamte Errichtung der Wasserversorgung in einem Rahmen von 8,5 Millionen Birr (etwa 475.000 Euro). Wie segensreich diese Investition sein wird, zeigt das Beispiel der Stadt Alge im Projekgebiet Illubabor (siehe Alge – eine Stadt stillt ihren Durst), wo die Äthiopienhilfe vor zwei Jahren eine ähnliche Infrastruktur schuf.

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