Mit Unternehmergeist aus der Armut


Die Bauern hatten eine Missernte erlitten. Kein Zweifel, die Familien würden hungern. Doch der Bürgermeister im Dorf hatte eine Idee: Wie wäre es, wenn vermögende Bauern den weniger bemittelten Familien mit Krediten wieder auf die Beine helfen würden? So geschah es: Die Bedürftigen bekamen Lebensmittel gegen Schuldscheine mit geringem Zins, und sie konnten neues Saatgut kaufen. Der "Brodverein" im Dorf Weyerbusch im Westerwald, gegründet 1846, war der erste Schritt, moderne Genossenschaftsbanken zu schaffen – die ursprünglich nichts anderes als Selbsthilfe-Organisationen waren. Untrennbar sind sie mit dem Namen des Bürgermeisters verbunden. Er hieß Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Vor Gründung des "Brodvereins" kamen die Bauern von Weyerbusch nur bei Wucherern an Geld – genau dies ist im ländlichen Äthiopien heute immer noch so. Dort müssen Bauern, die bei lokalen Geldverleihern einen Kredit über umgerechnet 50 Euro aufnehmen, nach zwei Monaten teilweise 100 Euro zurückzahlen. Bankfilialen gibt es keine in den äthiopischen Dörfern. Und die Banken in den Städten geben den mittellosen Dorfbewohnern gewöhnlich weder Konto noch Kredit. Auch Menschen mit Unternehmergeist haben keine Chance, sich aus eigener Kraft aus der Armut zu befreien. Sie haben zu wenig Startkapital, das jede Geschäftsidee braucht, um sich entfalten zu können.

Fördern und Fordern

In dieser schier ausweglosen Lage für potenzielle Existenzgründer braucht es Anstöße, die von Menschen für Menschen nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" geleistet werden. Wie einst Raiffeisen regen die Mitarbeiter der Äthiopienhilfe in den Dörfern die Bildung von Kredit-Genossenschaften für Frauen an. Zunächst müssen diese ein Jahr lang jeden Monat kleine Beträge ansparen und so ihren Durchhaltewillen zeigen. Dann besuchen die Frauen, von denen viele nie in der Schule waren, Kurse von Menschen für Menschen. Dort werden sie in den grundlegenden Regeln des Wirtschaftens unterrichtet. Erst dann bekommen sie ihren ersten Kredit über 2.000 Birr (etwa 110 Euro).

Dass zum Geld verdienen viel Kreativität gehört, beweisen die Geschäftsmodelle der Kleinst-Unternehmerinnen, die mangels Alternativen zumeist mit landwirtschaftlicher Produktion zusammenhängen. Eine Kreditnehmerin kauft einen Ochsen und vermietet ihn zum Pflügen. Eine andere kauft ein Plastikfass und Gerste, um lokales Bier anzusetzen und eine Schankwirtschaft aufzumachen. Fünf Frauen tun sich zusammen, um eine dieselbetriebene Mühle anzuschaffen, in der die Bauern der Umgebung nun gegen Bezahlung ihr Getreide mahlen lassen.

Starthilfe für ein besseres Leben

Ladenbetreiberin Johara erzählt ihre Geschichte stolz und mit offenem Blick – keine Selbstverständlichkeit im ländlichen Äthiopien. "Im traditionellen Verständnis sind Frauen dazu da, Kinder aufzuziehen und niedrige Arbeiten zu verrichten", erklärt Almaz Böhm. "Viele haben diese Rolle verinnerlicht, es mangelt ihnen an jedem Selbstbewusstsein." Solange aber das Engagement der Frauen unterdrückt werde, könne Armut kaum durchbrochen werden.

"Deshalb gibt Menschen für Menschen die Kredite ganz bewusst an Frauen, um so ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken", betont die geschäftsführende Vorsitzende der Stiftung. Bislang haben rund 15.000 Frauen diese "Starthilfe in ein besseres Leben" erhalten. Wie Johara schaffen es die Kreditnehmerinnen fast ohne Ausnahme, ihren Kredit innerhalb von zwei Jahren mit Zinsen zurückzuzahlen. Die orientieren sich laut Vorgaben der äthiopischen Regierung an den jeweils aktuellen Bankzinsen und liegen derzeit bei 7,5 Prozent pro Jahr – kein Vergleich zu dem Wucher bei privaten Geldverleihern.

 

Das Geld für die Erstkredite fordert Menschen für Menschen nicht zurück. Es bleibt als Kapital in der Kooperative, um für die Mitglieder Folgekredite zu finanzieren. Ein Mitglieder-Gremium bestimmt über Höhe und Reihenfolge der neuen Kredite; die Experten von Menschen für Menschen stehen als Berater zur Seite. Das Ziel ist, dass sich die Äthiopienhilfe aus diesem Modell der "zirkulierenden Gruppenkredite" zurückzieht und die Genossenschaften alleine weiter-

arbeiten – gemäß dem Ansatz der Selbsthilfe, den schon Genossenschafts-Gründervater Raiffeisen verfolgte. Dessen Einsicht gilt 150 Jahre nach dem ersten "Brodverein" auch für die Arbeit von Menschen für Menschen allgemein: "Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele."

"Der große Erfolg unseres Kredit-programms liegt auch daran, dass wir den Ablauf gut strukturiert und klare Regeln aufgestellt haben. So werden die Genossenschaften in Gruppen von je fünf Frauen aufgeteilt. Formal werden die Kredite nicht an Einzelne vergeben, sondern an diese Gruppen. Zahlt eine einzelne Frau nicht zurück, haftet die Gruppe. Durch diese soziale Kontrolle liegen die Rückzahlungsquoten bei 99,9 Prozent."

Wondemu Weldemeskel, Leiter des Kleinkreditprogramms der Äthiopienhilfe im Projektegebiet Illubabor


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