"Unser Alltag ist furchtbar schwierig"


Ein Besuch in Borena zeigt, wie arm und bedürftig das neue Projektgebiet von Menschen für Menschen ist. Doch die Situation ist nicht ausweglos. Die Bauern und Tagelöhner können mit Hilfe der Stiftung ihr Schicksal zum Guten wenden.

Noch nie zuvor haben die Bewohner des Gehöfts Ausländer gesehen. Die Reporter des NAGAYA MAGAZINS sind die ersten Weissen, denen sie begegnen. Yalelet, der achtjährige Sohn der Familie, deutet auf die Kamera des Fotografen und fragt: "Was ist das?" Ihr Dorf Sefatira ist eine Siedlung aus weit verstreuten Gehöften. Schiefe Lehmhütten ducken sich hinter Wällen aus Steinen und dornigen Ästen, die vor Hyänen schützen sollen. Der einzige Weg zur Zivilisation führt zweieinhalb Stunden weit über einen Fusspfad nach Mekane Selam, dem Marktort des abgelegenen Distrikts Borena in der Weite des äthiopischen Hochlands.

Yalelets Eltern Demeke Ayele, 45, und seine Frau Teje Mengistu, 40, haben sechs Kinder. Teje trägt keine Schuhe. Sie besitzt zwar ein billiges Paar aus Plastik, "aber ich möchte sie schonen. Ich trage die Schuhe nur, wenn ich zum Markt oder in die Kirche gehe", erklärt sie. "Wir sparen an uns selbst und geben das wenige Geld lieber für die Kinder aus." Die beiden Ältesten, der 18-jährige Amare und die 15-jährige Silma, gehen in Mekane Selam in die Schule. Zusammen mit Klassenkameraden haben sie sich dort eine Unterkunft gemietet. Die monatlichen Kosten von 120 Birr (ca. fünf Franken) bringen die Eltern nur durch Entbehrungen auf.

Eine Handvoll Körner

Nur zweimal am Tag, morgens und abends, kann die Familie essen, weil ihr ausgelaugtes Land keine grössere Ernte abwirft. Lediglich die kleineren Kinder bekommen am Mittag eine Handvoll geröstete Weizenkörner, wenn sie zu arg über Hunger klagen und nach Essen betteln. Um das Einkommen aufzubessern, brennt Mutter Teje regelmässig Arake, den lokalen Schnaps. Eine höchst strapaziöse Arbeit: Viele Stunden lang muss sie zuerst Holz sammeln und dann in der Hütte das Feuer unter dem Tontopf mit der vergorenen Maische unterhalten: Der Alkohol verdampft und wird über ein durch Ton und Sisalschnüre abgedichtetes Bambusrohr in ein Auffanggefäss geleitet. Die Hitze und vor allem der beissende Rauch sind schier unerträglich. Der Gewinn steht in keinem Verhältnis zum Aufwand: Zwar produziert die Mutter zehn Flaschen Arake pro Woche für den Verkauf. Doch weil sie Mais und Hopfen einkaufen muss, bleibt ihr am Ende nur ein Verdienst von 40 Birr, das sind weniger als zwei Franken. Möglicherweise zahlt die Familie sogar drauf, wenn man bedenkt, dass durch das Schnapsbrennen die Ernten wahrscheinlich geringer ausfallen: Das Feuer wird auch mit getrockneten Kuhfladen unterhalten, die auf den ausgelaugten Feldern dringend als Dünger gebraucht würden.

So arm die Familie ist, wenigstens haben sie Land und Ochsen, es zu bestellen. Ihre Nachbarn haben nicht einmal das: Bekele Takele, 36, und seine Frau Amognesh Mutuku, 26, sind landlose Tagelöhner. Auch Amognesh brennt Arake, und Bekele verdingt sich für 10 Birr (weniger als 50 Rappen) pro Tag auf den Feldern von Bauern. Hauptsächlich überlebt die Familie mit den drei Töchtern zwischen vier und 13 Jahren nur, weil sie Land von ihren Nachbarn bewirtschaften – allerdings zu einem sehr hohen Preis: In manchen Gegenden Äthiopiens müssen Unterpächter 40 und mehr Prozent ihrer Ernte an den Hauptpächter des Landes abgeben.

Liebevolle Eheleute

In ihrer kleinen Hütte geschieht alles in einem Raum: schlafen, kochen, Arake brennen, essen. Während des Interviews lächeln sich die Eheleute an, ihre Blicke sind liebevoll. Als Besucher denkt man unwillkürlich an den Satz, mit dem Leo Tolstoi seinen Roman Anna Karenina beginnt: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." Bei dem Tagelöhnerpaar spürt man: Die beiden sind miteinander glücklich. Und man hofft inständig, dass das so bleibt, gegen alle Widrigkeiten. "Wir mögen uns sehr", sagt Amognesh. "Aber unser Alltag ist so furchtbar schwierig." Bekele spricht davon, wegzugehen und irgendwo in einer Stadt eine Arbeit zu finden, um Geld für die Familie zu verdienen. Davor hat Amognesh Angst. "Allein zu leben, ist schwierig", sagt sie. Ihre Hütte steht völlig ungeschützt in der Landschaft. "Ich fürchte mich vor wilden Tieren", sagt sie. Die Bauern und die Tagelöhner: zwei typische Familien in Borena. Wie nur kann man ihnen helfen? "Die Situation ist keineswegs aussichtslos", erklärt Adane Nigus, Projektleiter in Borena: "Durch unseren breit gefächerten Ansatz können wir den Ärmsten viele Angebote machen."

Eine der ersten Interventionen der Äthiopienhilfe trägt der Wind als Quietschen und Röhren heran: Ein Bulldozer planiert gerade einen Zufahrtsweg ins Dorf, umstanden von staunenden Schulkindern und Ältesten. Der Weg wird die Lebensader, in den nächsten Jahren werden darauf die Hilfen für ein besseres Leben zu den Familien kommen: "Wir sind bereit anzupacken", sagt Bäuerin Teje. "Wir wollen alles lernen, wie wir unser Leben verbessern können." "Die Bäuerinnen werden geschlossene, energiesparende ‚Grüne Öfen‘ bekommen, das spart jede Menge Holz und Kuhdung", sagt Adane Nigus. Die Bauern werden darin unterrichtet, wie man den Boden vor Erosion schützt und ihn wieder fruchtbar macht. Verbessertes Saatgut wird die Ernten steigern. Der erste Spatenstich für den Bau einer Schule der Stiftung steht an, davon profitiert die Familie von Demeke Ayele und Teje Mengistu unmittelbar: Die Kinder brauchen nicht mehr in der Stadt zur Schule gehen, sondern können zu Hause wohnen. So sparen die Eltern die Miete für die städtische Unterkunft. Auch Tagelöhner Bekele wird nicht als Wanderarbeiter durchs Land ziehen müssen. "Wir haben massgeschneiderte Angebote, die arbeitsintensiv sind, aber kein oder nur wenig Landerfordern", erklärt Adane Nigus: Bedürftige bekommen Trainings und Starthilfen, um in Hausgärten Gemüse anzubauen, das sich auf dem Markt mit gutem Profit verkaufen lässt. Sie erhalten Hühner oder Schafe leistungsfähiger Rassen, um eine Zucht zu beginnen.

Erste grosse Erfolge

All diese Möglichkeiten stehen Bekele und seiner Frau Amognesh nun offen, weil der Bulldozer einen Zugang zu ihrem Dorf geschaffen hat, so wie vielen anderen Familien, die bereits im ersten Projektjahr 2011 von Menschen für Menschen profitierten: 188 Bauern bekamen Trainings und Samen. Mit dem Bau von zwei Schulen für mindestens 3'000 Kinder wurde begonnen, zwei Quellen gefasst und acht Brunnen gegraben, die Trinkwasser für rund 5'000 Menschen liefern. Eine neue Baumschule produzierte 238'000 Setzlinge, die vor allem als Erosionsschutz gepflanzt wurden.


"Wir haben unsere Büros mit Containern und mit Sperrholz so einfach und billig wie möglich gebaut, damit der Löwenanteil unserer Ressourcen der Bevölkerung zugute kommt. Diese Effektivität ist eine Freude. Effizient können wir aber nur sein, wenn die Einwohner der Region mitziehen: Der starke Wille der Bevölkerung, an der eigenen Entwicklung hart zu arbeiten, ist eine wesentliche Voraussetzung für unsere Interventionen."

Adane Nigus, Projektleiter von Menschen für Menschen im neuen Projektgebiet Borena


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