Teferas langer Weg


Tefera Dejene ist ein Herr. Sein langer weißer Spitzbart verleiht ihm die Aura eines alten Chinesen. In seiner braunen Strickmütze, der beigen Popelinjacke mit Cordkragen, den Jeans mit Umschlag und seinen Adidas-Schuhen könnte er aber auch einem New Yorker Taxi entsteigen. Aber wir sind in Gebra, einem Gehöft von sieben Tukuls, das allein in einer weiten Landschaft liegt, einem Tal fünf Stunden entfernt von Tuti, dem nächsten Dorf.

Tefera Dejene ist so alt wie Abo Karl, wie er gern erwähnt, geboren 1928 in Gebra. Nicht hier in diesem Gehöft, sondern in einem anderen, größeren, das jetzt halbverfallen etwas abwärts im Tal liegt. Das Gehöft seiner Vorfahren, Großgrundbesitzer, kann er lange vor der Enteignung durch die Kommunisten Ende der Siebziger Jahr nicht mehr halten. Weil das Geld knapp ist, einerseits und andererseits, weil die Kinder längst mit ihren Familien in eigenen Tukuls leben.

Tefera ist der Älteste seines Clans, acht Kinder, 34 Enkel, neun Urenkel. Mit seiner Frau Melekanesh und neunzehn ihrer Nachkommen lebt er innerhalb des Gehöfts des zweitältestens Sohnes in einem eigenen Tukul. Einem Mustertukul, erklärt Tefera, er und seine Söhne nehmen ihre Verantwortung, ihre Vorbildrolle als Modellbauern von Menschen für Menschen ernst.

Tefera ist ein weiser Mann, der es eines Tages nicht mehr erträgt, daß Gerba und Tuti, dass in dem ganzen weiten Tal, das schon die Heimat seiner Urahnen ist, nur Dunkelheit herrscht, wie er die Vor- Menschen für Menschen-Zeit nennt.
"Ich kann nicht sagen, dass es uns schlecht ging, wir haben keinen Hunger gelitten, wir haben Getreide und Vieh, auch mit unserem Wasser sind wir ausgekommen. Aber wir haben keine Schule, und unsere Heiler können unseren Kranken oft nicht helfen. Seit Jahrzehnten geht es nicht einen Schritt vorwärts, im Gegenteil, es geht zurück. Alle haben uns allein gelassen, auch die Regierung, niemand hat sich dafür interessiert, was aus uns wird, wir sind wie abgeschnitten von der Welt."

Eines Tages hört Tefera, dass in einem anderen entlegenen Dorf jenseits ihres Tals eine Schule gebaut wird. Das kann nicht sein, dass sie uns schon wieder vergessen, schimpft er. Am nächsten Morgen wacht er auf, weckt seine Söhne und sie machen sich auf den Weg. Vier Tage brauchen sie, bis sie in Maranja ankommen. Dort hat die Distriktverwaltung von Midda ihren Sitz.

Es kommt nicht anders, als Tefera erwartet, die Regierung fühlt sich nicht zuständig. Aber der Beamte weist ihnen den Weg zum Projektbüro von Menschen für Menschen. Dort trägt Tefera zunächst nur einen einzigen Satz vor. Tefera sagt: Wir brauchen eine Straße, und schildert dann mit klaren, wohl überlegten Worten die Situation in seinem Tal.

Die Straße ist für ihn der Dreh- und Angelpunkt. Ohne Straße keine Lastwagen, ohne Lastwagen kein Material, ohne Material keine Schule, keine Krankenstation, ohne Straße keine Zukunft. Tefera hat eine Vision. Es geht ihm nicht nur um die Schule, er weiß, dass das ganze Tal aufwachen muss. Er hat beobachtet, wie seine Söhne immer weniger Arbeit haben, die Felder brach liegen lassen. Warum sollen sie mehr anbauen, als sie selbst verbrauchen mit all ihren Kindern und all ihrem Vieh? Wenn sie keinen Zugang zum Markt haben? Dabei weiß Tefera, dass der Boden mehr hergibt, weiß das, weil das ganze Land einmal seiner Familie gehört hat und einmal ein fruchtbares Land war, das vierhundert Bauern ernährt hat und seinen Vater reich gemacht.

Die Evaluierung des Projektes durch die Experten von Menschen für Menschen dauert wenige Wochen, Karlheinz Böhm fällt die positive Entscheidung leicht, denn dieser Alte mit dem weißen Spitzbart, der im Jahr 1928 geboren ist wie er, dem kann er nicht anders, als seinen Respekt zollen.

Tefera aber will nicht auf die Entscheidung warten, für ihn ist die Sache klar, die Straße wird gebaut und die Zukunft wird kommen. Er mobilisiert die Männer im Tal und sie fangen einfach an. Meter für Meter hacken und schaufeln sie den alten Weg frei, der von Regenzeit zu Regenzeit von Geröll und Schlamm verschüttet, nur noch als Pfad zu erkennen ist. Karlheinz Böhm ist umso mehr beeindruckt.

"Ich habe damals gesagt, dass ich sterben möchte, wenn das erste Auto die neue Straße hinunter gefahren kommt, und ich habe das ernst gemeint", behauptet Tefera und auf sein weises Gesicht legt sich ein tief zufriedenes Lächeln. Es dauert ein Jahr, bis der erste Lastwagen weit oben am Rande des Tals auftaucht. Sie feiern tagelang und preisen den weisen Tefera. Und der betet seitdem und nun schon im sechsten Jahre jeden Tag, dass er noch ein bisschen bleiben darf.

"Es lebt sich gut mit der Zukunft", sagt er. Neulich ist sein erster Urenkel in Tuti eingeschult worden. Womit drei Generationen seines Clans die Schulbank drücken. Denn Tefera hat nicht locker gelassen, bis auch seine schon erwachsenen Enkel, und seine Söhne und Töchter sogar auf ihre alten Tage noch eingesehen haben, dass auch sie etwas lernen können, jetzt wo es endlich eine Schule gibt. Die Zukunft gehört schließlich nicht den Jungen allein.


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