Wenn jeder Wimpernschlag schmerzt


"Womit hat meine Tochter das verdient? Neulich kam sie weinend nach Hause", klagt Beneberu Ababu, 30. "Sie war mit der Stirn gegen eine Eisenstange gerannt, die aus der Wand eines Hauses herausragte. Sie hatte das Hindernis einfach übersehen." Wie alle Zwölfjährigen sollte Schebere Bonte unbeschwert spielen und lernen. Doch ihr Sehvermögen ist eingeschränkt. Ihr rechtes Auge schmerzt ständig. "In der Schule kann ich nicht richtig sehen, was der Lehrer an die Tafel schreibt", erzählt das Mädchen. "Mein Auge tränt so, dass ich es nicht lesen kann." Häufig kann sie sich nicht konzentrieren, weil die Schmerzen so groß sind. "Sie sind mit nichts zu vergleichen und viel schlimmer als Kopfweh oder Magenkrämpfe", sagt Beneberu Ababu. "Das Auge juckt und brennt. Es ist schrecklich." Mutter und Tochter leiden beide am Trachom, einer Krankheit, die in Europa schon lange ausgerottet und vergessen ist. Es ist ein heimtückisches Leiden, bei dem die eigenen Augenwimpern zum größten Feind werden. "Es fühlt sich an, als ob mich die Wimpern ins Auge stechen", sagt Schebere.

Kinder stecken sich häufig an

Trachom ist griechisch und heißt übersetzt "Raues Auge". Die meisten Betroffenen erkranken im Kindesalter an der bakteriellen Infektion. Meist werden sie von ihren Geschwistern mit der Armutskrankheit angesteckt oder von ihren Müttern, die allen ihren Kindern mit dem gleichen Rockzipfel die Tränen trocknen und übers Gesicht wischen. Unter den unhygienischen Bedingungen in den wasserarmen Gebieten des äthiopischen Hochlandes können sich die Bakterien Chlamydia trachomatis verbreiten. Sie setzen sich an der Innenseite des Oberlides fest. Der Körper wehrt sich, es bilden sich Lymphfollikel, gelblich-weiße Erhebungen. Die Lider schwellen an, werden schwerer, hängen herunter. Wenn die Follikel platzen, bilden sich Narben an der Lidinnenseite, welche sich dadurch zusammenzieht. Die Außenseite des Lids mit den Wimpern dreht sich nach innen ein: Nun scheuern sie bei jedem Lidschlag und jeder Augenbewegung an der Hornhaut des Auges.

Wer erlebt hat, wie unangenehm ein Sandkorn im Auge sein kann, hat eine kleine Ahnung von dem Leiden der Patienten. Das unablässige Scheuern der Wimpern verletzt die Hornhaut, macht sie trübe. Die Betroffenen lassen sich von Familienangehörigen die Wimpern ausrupfen. Aber nach wenigen Tagen reiben und scheuern neu gewachsene Wimpernstoppeln schlimmer als je zuvor auf den Augäpfeln. Die Erkrankten brauchen unbedingt eine kleine Operation, die das Lid korrigiert, damit die Wimpern den Augapfel nicht mehr berühren. Ohne diese Operation verlieren sie über kurz oder lang ihr Augenlicht.

Vor allem Kinder und Frauen sind betroffen. Während die Väter auf dem Feld arbeiten, kommt es zu Hause in den Hütten immer wieder zu Reinfektionen zwischen Kindern und Müttern. 138.000 Äthiopier haben durch das Trachom bereits ein Auge verloren oder sind gar auf beiden erblindet. Zum Vergleich: Das sind mehr Menschen, als in Würzburg leben. Zehnmal so viele Äthiopier, nämlich 1,3 Millionen Menschen, leiden an einer fortgeschrittenen Infektion, durch die sie ihr Augenlicht verlieren, wenn sie keine Hilfe bekommen.

Zerstörte Augäpfel

Schebere und ihre Mutter haben das Trachom jeweils nur auf dem rechten Auge, das linke Auge ist bei beiden noch nicht betroffen. Am frühen Morgen sind sie aufgebrochen und von ihrer Hütte zur Gesundheitsstation von Dengore gewandert, einem Außenposten der Zivilisation im Hochland des Menschen für Menschen-Projektgebietes Midda. In der Station treffen sie auf zwei Dutzend weitere Patienten. Alle warten darauf, von Krankenschwester Dabesch Bekele behandelt zu werden. Einigen der Patienten kann die Trachom-Spezialistin von Menschen für Menschen nicht mehr helfen: Wenn sie deren verschwollene Lider hebt, blickt sie statt auf eine gesunde Iris in zerstörte Augäpfel, die trüb und milchig-weiß sind: wie von einem Schleier überzogen.

30.000 Operationen

Doch das rechte Auge von Schebere sieht viel besser aus als vor vier Wochen, stellt die Krankenschwester fest. Das Mädchen hat das Auge jeden Tag mit klarem Wasser gewaschen, wie Dabesch Bekele es ihr aufgetragen hatte. Dank der Augensalbe, die sie ihr verschrieb, ist die Infektion zurückgegangen. Also kann Schebere operiert werden. Sie legt sich auf die Liege im
Behandlungszimmer. "Hab keine Angst!", beruhigt sie die Schwester. Schebere nickt. "Nur die Spritze wird kurz weh tun", sagt Dabesch Bekele. "Jetzt auf keinen Fall bewegen!", warnt sie, bevor sie das Lid mit einer Injektion örtlich betäubt. Tapfer wie die erwachsenen Bäuerinnen, die Schwester Dabesch zuvor operiert hat, hält Schebere still. Die Krankenschwester setzt routiniert einen kleinen Schnitt ins Lid und fixiert es mit Nähten so, dass die Wimpern nicht mehr auf der Hornhaut scheuern.

"Bei Kindern brauche ich nur drei Stiche", sagt Dabesch Bekele. Die Operation dauert nicht länger als fünfzehn Minuten. "Ich mache das seit mehr als zehn Jahren, ich bin sehr schnell", sagt die 35-Jährige nicht ohne Stolz. Insgesamt haben sie und die anderen Spezialisten von Menschen für Menschen mit ihren Lid-Korrekturen bisher 44.000 Patienten das Augenlicht gerettet. Allein heute operiert Dabesch Bekele 25 Männer, Frauen und Kinder.

Nein, die Operation habe nicht wehgetan, sagt Schebere, als Dabesch Bekele ihr das Auge mit einem Mullverband abdeckt. Gleich wird ihre Mutter operiert. "Gut, dass das Mädchen so früh gekommen ist", sagt die Trachomspezialistin in der kurzen OP-Pause. "In weniger als einem Jahr wäre das Auge verloren gewesen."

Nur Arme erkranken

Ob der Vielzahl der Fälle kommen Dabesch und ihre Kollegen mit dem Operieren gar nicht nach. Deshalb setzt Menschen für Menschen vor allem auch auf Prävention. "Wir gehen in die Dörfer und berichten den Menschen, wie sie sich vor dem Trachom schützen können", sagt die Krankenschwester: "Wir erklären, wie wichtig es ist, sich jeden Tag das Gesicht zu waschen – auch wenn das Wasser knapp und jeder Tropfen wertvoll ist." Außerdem lernen die Mütter in den Schulungen, dass sie nicht alle ihre Kinder mit demselben Lappen waschen dürfen. Insgesamt könne man das Trachom-Problem nicht isoliert sehen, erklärt Dabesch Bekele: "Es kommt nur dort vor, wo die Menschen sehr arm sind und nicht genug Wasser zum Waschen haben." Wenn Menschen für Menschen in den Dörfern Brunnen baut, sei das auch Gesundheitsvorsorge und ein Mittel im Kampf gegen das Trachom.

Kampagne gegen die  Infektion

In Zusammenarbeit mit dem Carter-Center, einer amerikanischen Hilfsorganisation, führt Menschen für Menschen in den Projektgebieten der Amhara-Region Trachom-Kampagnen für die gesamte Bevölkerung durch: Insgesamt bekommen in den nächsten drei Jahren 350.000 Menschen einmal jährlich eine Tablette mit dem Antibiotikum Azithromycin – eine logistische Herausforderung in den abgelegenen Gebieten ohne Straßen. So wird die Verbreitung des Trachoms nachhaltig zurückgedrängt: Nach drei Jahren soll nur noch jeder zehnte Einwohner an der Lidinfektion leiden. In Midda, wo die kleine Patientin Schebere zu Hause ist, leiden derzeit noch sechzig Prozent der Menschen zumindest am ersten Stadium der Infektion mit Jucken und Sekretbildung.

Zur Nachsorge kommen neue Menschen

Als Dabesch Bekele gerade das Auge der letzten Patientin an diesem Tag desinfiziert und die Spritze mit der lokalen Betäubung gesetzt hat, verdunkelt sich der Himmel. Ein Wolkenbruch setzt ein, Regen und Hagel schlagen mit ohrenbetäubendem Lärm auf das Wellblechdach der Station. Es wird dunkel im Raum. Die Krankenschwester bittet die Anwesenden, aus der Tür zu treten, damit sie das Licht von draußen ausnutzen kann – Strom und damit Operationslampen gibt es nicht in Dengore. Aber Dabesch Bekele führt die kleine Operation routiniert zu Ende. Zufrieden streift sie ihre Latexhandschuhe ab. "Die Patienten kommen mit fürchterlichen Schmerzen, viele müssen von Angehörigen geführt werden. Sie sind deprimiert und haben jede Hoffnung verloren", sagt sie. "Ich operiere sie, und zur Nachsorge kommen sie als neue Menschen: gesund und glücklich."


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