Kurz vor acht Uhr morgens, die Sonne steht schon hoch am Himmel. Aus allen Richtungen strömen Kinder und Jugendliche aus den Hütten ihrer Familien zur Schule in der Kleinstadt Yanfa. Zwei Mädchen gehen zusammen mit ihrem Vater. Auch er hat Schulbücher unter dem Arm. Serihune Bekele ist der älteste Schüler der Grundschule: Ein Achtklässler mit 52 Jahren.


Serihune ist ein gottesfürchtiger Mann. "In Jerusalem hat Jesus gelehrt, dort ist er für uns gestorben", erklärt er. "Und in Bethlehem wurde unser Retter geboren." Also ließ er seine erste Tochter auf den Namen Jerusalem taufen. Als ihm seine Frau noch ein Mädchen schenkte, nannte er sie Bethlehem.

Jerusalem und Bethlehem sind besonders kluge Mädchen: In Äthiopien werden die Noten der einzelnen Schüler verglichen; die Schüler jeder Klasse werden in eine Rangfolge eingeteilt. "Das soll sie motivieren, sich besonders anzustrengen", erklärt Schulleiter Wondiwassan Mekurea, "denn der Wettbewerb um die besten Ausbildungen ist groß." Immer war Jerusalem die Erstplatzierte. Bethlehem geht in die gleiche Klasse, obwohl sie ein Jahr jünger ist. Auch sie belegte immer einen Rang im obersten Drittel der besten Schüler.

Ihre ersten Schuljahre verbrachten die beiden Schwestern an einer Schule, die das Lernen nicht gerade leicht machte: Wie häufig in Äthiopien bestand das Schulhaus aus einer dunklen Lehmhütte mit gestampftem Boden. Doch vor fünf Jahren baute Menschen für Menschen eine neue Schule, mit Betonboden und gemauerten Wänden, mit einem verzinkten Dach und Lamellenfenstern, so dass der Staub draußen bleibt. In die Wände sind große Schreibtafeln eingelassen, und es gibt stabile Sitzmöbel. Die Schule ist zweifellos das beste Gebäude der Stadt, deren schiefe Häuser aus Ästen, Lehm, Blech und Plastikplanen zusammengenagelt und -gebunden sind.


Als Vater Serihune den Bau voranschreiten sah, reifte in ihm ein Gedanke: Wie wäre es, die Schulbildung fortzusetzen? Einst brach er die Schule ab, weil er bereits mit 14 Jahren zum Familieneinkommen beitragen musste. Seit über 30 Jahren arbeitet er als Wächter. Er schützt im Wechsel mit einem anderen Mann die örtliche Krankenstation vor Diebstählen und Einbrüchen.

Serihune ging zum Rektor und erzählte von seiner Idee. "Ehrlich gesagt, war ich überrascht", erzählt Wondiwassan Mekurea heute. "Aber ich habe mich entschlossen, ihm die Chance zu geben." Es sei eine richtige Entscheidung gewesen: "Mittlerweile ist Serihune ein Vorbild. Einige Teenager hatten die Schule abgebrochen, durch sein Beispiel sind sie in die Klassenzimmer zurückgekehrt!"

MAN MUSS SICH EIN ZIEL SETZEN


Erste Stunde, Gemeinschaftskunde. Lehrer Buschura Ambesse schreibt das Thema an die Tafel: "Wie werde ich erfolgreich?" Dann doziert er: "Für jede Aufgabe braucht man zunächst einen Plan. Man muss sich ein Ziel setzen, wann man sie zu Ende gebracht haben will." Und: "Egal, welche Arbeit du machst, mache sie so gut wie möglich. Denn jede Arbeit hat Würde." Serihune nickt. Ja, seine Arbeit als Wächter ist wichtig. Aber: Nicht jede Arbeit ist gleich gut bezahlt. Als Wächter an der Krankenstation erhält er ein Gehalt von 600 Birr im Monat, das sind etwa 26 Euro. Wenn er die Schule abschließt, rechnet er sich einen Aufstieg in der Gesundheitsverwaltung aus: Er könnte über die verwendeten Materialien Buch führen. Dann würde er das Doppelte verdienen. Das ist sein Ziel, deshalb drückt er seit fünf Jahren die Schulbank.

Er stieg in der dritten Klasse ein, quetschte sich mit seinen damals elf- und zehnjährigen Töchtern in die Bank. "Ich glaube, dass das eine mutiger Entschluss war", sagt er. "Denn die Menschen in der Stadt schüttelten den Kopf. Freunde fragten mich: Was willst du alter Mann in der Schule? Aber ich sagte: Zum Lernen ist es nie zu spät."


Er hätte auch in der vierten oder fünften Klasse beginnen können, betont der Rektor. "Aber ich wollte, dass mir meine Töchter beim Einstieg helfen und deshalb mit ihnen in der gleichen Klasse sein", erklärt Serihune. Gewöhnlich helfen die Eltern den Kindern bei den Hausaufgaben: Was sagen die Töchter zu den vertauschten Rollen in ihrer Familie? "Das belastet mich nicht, ich bin einfach stolz auf meinen Vater", sagt Jerusalem. "Inzwischen ist das Verhältnis ausgeglichen", ergänzt Bethlehem. Sie helfen dem Vater in der lokalen Sprache Oromo – sie wird in lateinischen Buchstaben geschrieben, mit denen Serihune erst seit seinem Wiedereinstieg in die Schule vertraut ist. Er helfe den Töchter dafür in Amharisch, der Hauptsprache Äthiopiens mit eigener Schrift, die er schon vor über 40 Jahren gelernt hatte.

Abends ab 22 Uhr, wenn der Haushalt erledigt ist, treffen sie sich zu dritt in der guten Stube, deren Wände teilweise mit Zeitungen tapeziert sind. Meist gibt es bis 24 Uhr Strom in der Stadt, also haben sie zwei Stunden zum Erledigen der Hausaufgaben. Solange übernimmt der 21-jährige Sohn Abraham den Dienst im Wachhäuschen an der Krankenstation. Häufig bleibt er dort auch die ganze Nacht, damit der Vater am nächsten Morgen frisch ist für die Schule. Abraham kann tagsüber schlafen, er hat nach seinem Schulabschluss keine andere Arbeit gefunden, seine Noten waren nicht die besten, und es gibt kaum Gewerbe in der Stadt.

AUF DEM ERSTEN RANG


Jerusalem und Bethlehem haben bessere Aussichten. Sie werden nach Abschluss des Schuljahres auf das Gymnasium in der Stadt Mettu wechseln. Nach zwei Jahren wollen sie die Oberstufe des Gymnasiums in der Stadt Bedele besuchen. Beide Schulen in Mettu und Bedele wurden von Menschen für Menschen erbaut. Durch sie haben die beiden Mädchen eine realistische Chance, danach die Universität besuchen zu können. Jerusalem möchte Medizin studieren, Bethlehem möchte Biologin werden, beide mit einem ähnlichen Ziel. "Ich möchte den Menschen als Ärztin helfen", sagt Jerusalem. "Ich möchte zu Mikroorganismen forschen und so dazu beitragen, dass es weniger Krankheiten gibt", sagt Bethlehem. Sie hofft nur, dass sie künftig ihre Prüfungsangst überwinden kann: "Vorher weiß ich immer gleich viel wie Jerusalem und mein Vater, aber in der Prüfung kann ich mich nicht mehr an alles erinnern." Aktuell belegt sie den achten Rang in der Klasse mit 58 Schülern.

Und welchen Rang belegt der Vater? "Den zweiten – gleich hinter Jerusalem", sagt Serihune und lächelt. "Aber meine Tochter darf gerne die Beste sein."

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Achtklaesser mit 52